Karl Gotthelf Freiherr von Hundt und Alten-Grottkau verlegte im Jahre 1764 die von ihm am 24. Juni 1751 gestiftete Loge „Zu den drei Säulen“ von Kittlitz bei Löbau nach Görlitz.

Die neue Loge wurde am 04.04.1764 unter dem Namen „Zur gekrönten Schlange“ durch Johann Christian Schubart, Edler von Kleefeld, und Franz Freiherr von Prangen im Hause Brüdergasse 9 in Görlitz (neben dem Schönhof) feierlich eröffnet.

Zum ersten Meister vom Stuhl wurde der Kammerherr und Landesälteste des Görlitzer Kreises Johann Ernst von Gersdorff ernannt und eingesetzt.

J. E. von Gersdorff war bereits Mitglied der Loge „Zu den drei Säulen“ und trug den Logennamen „Ernestus Eques a Serpente“ (Ernst Ritter von der Schlange), der auch gleichzeitig als Patronatsname der Görlitzer Loge Verwendung fand.  Von Gersdorffs Wahlspruch lautete „PER ARDUA AD ASTRA“ (Durch Mühe zu den Sternen).

Die 14 Mitglieder der Loge waren meist Adelige, Offiziere und höhere Beamte. Nach 9 Jahren war die Zahl der Mitglieder schon auf 52 gestiegen. Das älteste in den Logenakten vorhandene Mitgliederverzeichnis aus dem Jahre 1773 belegt diese Zahl.

Im Jahre 1782 wurde Gottlob von Wiedebach Meister vom Stuhl der Loge. Mit seiner Wahl stellte er die Bedingung, dass die „gekrönte Schlange“ sich in der rosen-kreuzerischen Loge „Karl zu den drei Schüsseln“ in Regensburg affiliieren ließe. Die Mehrheit der Mitglieder stimmte zu. Mit diesem Beschluss wurde der Niedergang der Görlitzer Loge eingeleitet.

Anfang 1784 wurde mit dem Konstitutionspatent aus Regensburg der Loge der Name „Zu den drei Flammen“ beigelegt. Einige Freimaurer, darunter auch
Carl Gottlob Anton (von ihm wird später noch die Rede sein), die von der Rosen-kreuzerei nichts wissen wollten, arbeiteten unter dem alten Logennamen weiter.

Vermutlich 1794 übersiedelte die Flammen-Loge in das Barockhaus Neißstraße 30, welches C. G. Anton gehörte.

Durch zunehmende Nachlässigkeiten und auch durch den unordentlichen Lebenswandel des Meister vom Stuhl, Friedrich August Kober (Kurfürstlich-Sächsischer Postmeister) kam es zum Zusammenbruch der Loge. Am 08. September 1794 fand die letzte Arbeit statt.

Mitte des Jahres 1802 wurde der Wille immer stärker, dass in Görlitz das freimaurerische Leben wieder aufflammt. Im Januar 1803 trafen sich in der Wohnung von Carl Gottlob von Anton 10 Freimaurer, um beide eingegangenen Logen wieder zu eröffnen. Schnell einigte man sich, dass der alte Name „Zur gekrönten Schlange“ wieder angenommen wird. Von Anton wurde gebeten, den Logenvorsitz zu übernehmen.

Am 05.04.1803 eröffnete von Anton in Anwesenheit von 15 ortsansässigen Freimaurern und 14 besuchenden die Loge wieder

Die Loge arbeitete wieder im Haus Neißstraße 30, welches von Anton besaß. Dieses schenkte er 1811 der von ihm 1779 mitbegründeten Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften. Von Anton verpflichtete die Gesellschaft aber dazu, seiner Loge uneingeschränkt die benutzten Räume zu überlassen. Das wurde im Grundbuch als Option eingetragen. Er schenkte seiner Loge auch seine umfangreiche freimaurerische Bibliothek.

Im Jahre 1806 wurde ein Bijou entworfen, welches dann 1808 fertig war. Das heute von den Görlitzer Freimaurern getragene Bijou gleicht dem vor fast 200 Jahren entworfenen.

Die segensreiche Tätigkeit der damaligen Freimaurer war von Erfolg gekrönt. Aktiv waren sie an der Begründung eines sächsischen Logenvereines beteiligt. Am 17.10.1811 traten die Görlitzer der Großloge von Sachsen bei.

Der Ausgang des Krieges 1813/14 hatte große Auswirkungen auf die Görlitzer Loge. Der Wiener Kongress beschloss, dass mehr als die Hälfte Sachsens Preußen zugeschlagen wurde. Die Görlitzer mussten sich nun gemäß einer Order des Königs für eine der drei preußischen Logen entscheiden.

Unmittelbar danach trat für die Loge eine unheilvolle Zeit ein. Diese war durch den raschen Wechsel der Stuhlmeister gekennzeichnet. In 7 Jahren werden 4 Stuhlmeister gewählt. Unordnung in den Finanzen bedrohte die Loge. Es wäre bald zu deren Auflösung gekommen. Die in Görlitz ansässigen Freimaurer auswärtiger Logen brachten aber durch ihren Beitritt zur Schlangenloge die Rettung. Langsam erwachte die Loge wieder aus ihrer Lethargie.

Carl Gottlob von Anton starb im Jahre 1818.

Mit der Wahl von Johann Peter Dittrich (Königlicher Kanzleidirektor) am 24.06.1839 setzte eine segensreiche Zeit für die Loge ein. Er führte sie dreißig Jahre mit unvergleichlicher Treue, Gewissenhaftigkeit, Sachkenntnis, Unparteilichkeit und Bruderliebe. Friedliche äußere Bedingungen während der Zeit seines Amtes waren für die Entwicklung der Loge wohl tuend. Die Ehefrauen der Freimaurer wurden immer mehr zu geselligen Veranstaltungen herangezogen. Der Verkehr zwischen den Mitgliedern nahm nunmehr den Charakter eines gemütlichen Familienlebens an.

Diese Situation beschreibt Dittrich in der Trauerloge am 02.12.1846 wie folgt:

„Der Maurer könne darum ruhiger aus dieser Welt scheiden, weil er die Seinen der liebevollen Fürsorge seiner Brüder empfohlen wisse.“

An diesen Gedanken anknüpfend entwarf er die Grundzüge für eine Logen-Witwen- und Waisenkasse, die er selbst im Jahre 1847 mit einem Stammkapital von 480 Talern eröffnete. Durch zahlreiche Sammlungen und Geschenke entstand daraus eine ansehnliche Stiftung. Diese Stiftung verfügte am 30.06.1920 kurz vor der Inflation über die stolze Summe von 78.274,56 Mark.

Johann Peter Dittrich starb wenige Tage vor seinem 30. Jubiläum der Führung des ersten Hammers am 10.05.1869. Ihm zur Ehre errichteten seine Brüder im Garten des Logenhauses eine Säule mit flammender Kerze.

Die Zahl der Mitglieder der Loge stieg von Jahr zu Jahr. Waren es im Jahre 1838 noch 47 Brüder, so waren in dem Verzeichnis für das Jahr 1862 119 Mitglieder vermerkt. Das Haus Neißstraße 30 wurde zu klein. Daher wurden im Herbst und Winter 1862 die erforderlichen Beschlüsse für den Erwerb eines Grundstückes (3.349 m²) und den Bau eines Logenhauses gefasst. Die Geldmittel wurden aus den Überschüssen der Logenkasse, durch Ausgabe von unverzinslichen und verzinslichen Handdarlehensscheinen aufgebracht. Es wurden als Bausumme und für das Grundstück 18.000 Taler sowie für die Einrichtung 2.000 Taler veranschlagt und auch verbraucht. Unter der Leitung des Logenmitgliedes Gustav Kiessler (Baumeister und Stadtrat von Görlitz) wurde eine Baukommission gebildet. Übrigens, Kiessler baute den Görlitzern auch das Stadttheater und den Eisenbahnviadukt über die Neiße.

Am 17.04.1864 wurde durch den Großmeister der Großen Loge Royal York, Schnakenburg, in Gegenwart von mehr als 250 Brüdern aus Nah und Fern das Licht eingebracht und das 100-jährige Jubelfest des Bestehens der Loge gefeiert.

1868 feierten die Görlitzer Freimaurer ein mit Sicherheit nicht so oft vorkommendes Maurerjubiläum. Dr. phil. Rudolph Flössel (emeritierter Prediger aus Siegersdorf am Queiß), geboren 1783, beging sein 60-jähriges Fest der Aufnahme in den Bund der Freimaurer.

Am Johannistag des Jahres 1872 kam es zu einer bedeutungsvollen Neuerung. Es wurde unter maßgeblichem Beitrag der Görlitzer Freimaurer durch die Große Loge Royal York eine längst fällige Statutenänderung vorgenommen. Diese betraf die Durchsetzung des Humanitätsprinzips und ermöglichte die Aufnahme nicht-christlicher Brüder in die Loge. Am 20.11.1872 wurden zwei Suchende mosaischen Glaubens, die Görlitzer Kaufleute Eduard Herz und Siegfried Kaufmann, in die Loge aufgenommen.

Die 70-er bis zum Ende der 80-er Jahre des 19. Jahrhunderts waren die Jahre der Juristen unter den Stuhlmeistern. Unter Eduard Strützki (Königlicher Kreisrichter von Görlitz) und August Reimann (Landgerichtsdirektor) entwickelte sich die Loge auch in quantitativer Hinsicht außerordentlich gut. So war den Unterlagen für das Jahr 1877 die Mitgliederzahl von 197 zu entnehmen.

Die Zeit der Inflation hat die Loge relativ gut überstanden. Das wurde jedenfalls mit Stolz berichtet. 1928 waren in der Mitgliederliste 290 Brr. aufgeführt.

Am 29.06.1930 übernahm der Görlitzer Rechtsanwalt und Notar, Dr. Alwin Glätzner, den ersten Hammer der Loge von Hugo Feustel. Ahnte er damals schon, dass er für die nächsten 6 Jahrzehnte der letzte Meister vom Stuhl sein wird?

Mit einer Verbots-Verfügung der Nazis wurden alle deutschen Freimaurer gezwungen, 1935 ihre Logen aufzulösen. Deshalb haben die Görlitzer Freimaurer beschlossen, ihr Grundstück zu verschenken. Dieses Verbot wurde von den sowjetischen Besatzungsbehörden und den DDR-Behörden aufrechterhalten. Der von den Freimaurern praktizierte Pluralismus war diesen Diktaturen ein Dorn im Auge.

Nach 58 Jahren kam es wieder zu freimaurerischen Aktivitäten in Görlitz. Im Zusammenhang mit der Städtepartnerschaft Wiesbaden-Görlitz hielt im Dezember 1993 entsprechend eines Beschlusses der Wiesbadener Logen der damalige Meister vom Stuhl Loge „Plato zur beständigen Einigkeit“, Horst Stange, in der Gaststätte „Zur Drehscheibe“ einen Vortrag.

Mit freimaurerischer Beständigkeit wurde von den Wiesbadener Freimaurern die Entfernung von 600 km zwischen Wiesbaden und Görlitz überwunden. Im Laufe der Jahre sind dann aus den ursprünglich maurerischen Kontakten teilweise herzliche persönliche und familiäre Verbindungen entstanden.

Im September 1994 wurden in Wiesbaden die ersten 4 Görlitzer Suchenden in den Bund der Freimaurer aufgenommen.

Im „Landhotel“ von Markersdorf erfolgte im Dezember 1994 die Gründung des Vereins „Zur gekrönten Schlange“.

Nach genau 60 Jahren freimaurerischer Finsternis fand am 03.09.1995 in Markersdorf mit der Beförderung der 4 in Wiesbaden aufgenommenen Görlitzer die erste maurerische Arbeit statt.

Anfang 1997 war der Logenverein auf 18 Mitglieder (davon lebten in Görlitz und Umgebung 13) angewachsen. Zum Johannisfest wurde die Loge „Zur gekrönten Schlange“ Görlitz gegründet und die Lichteinbringung auf den 04.10.1997 festgelegt. Seit November 1999 besitzt die Loge eigene Räume im Görlitzer Grundstück James-von-Moltke-Straße 36. Die Loge „Zur Morgenröte“ hatte bis 1935 hier ihr Domizil.

 

(c) Harald Wenske, Holtendorf

(Quellen: Dr. K. Wiedemann, Geschichte der Loge "Zur gekrönten Schlange" (1751-1815)

                   A. van der Veld, Kurzer Abriss der Geschichte der Loge "Zur gekrönten Schlange" (1764-1889)